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Insights

Kein Ausverkauf im deutschen Mittelstand

28 Juli 2025 (Zuletzt aktualisiert 30 Juli 2025) | Blog

Kein Ausverkauf im deutschen Mittelstand

Die Überschriften klangen besorgniserregend: Einen „Ausverkauf der deutschen Industrie“ vermeldeten mehrere Medien in den vergangenen Monaten. Ein genauerer Blick zeigt: Einige prominente Übernahmen deutscher Hidden Champions durch Investoren aus dem Ausland sind noch lange kein Grund für Alarm. Auch weil viele der Käufer strategische Investoren mit sehr guter Kenntnis des regionalen Marktes sind – und mit einem Fokus auf Transformations- und Zukunftsthemen, analysiert Markus Schiller von Datasite.

Viele Schlagzeilen in Wirtschaftsmedien aus den vergangenen Monaten klangen beunruhigend: „Erleben wir einen Ausverkauf der deutschen Wirtschaft?“ „Deutsche Unternehmen in der Krise zu Schnäppchenpreisen zu haben!“ „Das Rückgrat der deutschen Industrie steht vor dem Ausverkauf.“ „Die Amerikaner zielen jetzt auf unsere Hidden Champions.“ „Corporate Germany is on sale“: So konnte man es etwa bei WirtschaftsWoche, Focus, Welt, Bloomberg und in der Financial Times lesen.

Ein Ausverkauf der deutschen Wirtschaft also? Sollte dieser tatsächlich stattfinden, dann müssten wir bei Datasite das in den Daten unserer M&A-Plattform deutlich sehen – und zwar an einem Anstieg der Cross-Border-M&A-Transaktionen, also der grenzüberschreitenden M&A-Deals. Doch unsere Auswertungen zeigen keinen solchen Anstieg. Vielmehr findet weiterhin der deutlich überwiegende Teil der Transaktionen innerhalb des deutschen Marktes statt. Das zeigt auch unser aktueller Deal Drivers Report. 

„German Mittelstand“ als anspruchsvoller Verkäufer

Nach unserer Erfahrung wäre es auch erstaunlich, wenn plötzlich ausgerechnet deutsche Familienunternehmer, die klassischen mittelständischen „Hidden Champions“, ihre Unternehmen im großen Stil an ausländische Investoren verkaufen würden. Denn gerade diese Unternehmer wählen sehr genau aus, wem sie Anteile oder das gesamte Unternehmen verkaufen.

Sie sind anspruchsvolle Verkäufer, die oft eine große emotionale Bindung an ihr Unternehmen haben. Sie setzen die Verkaufspreise tendenziell daher recht hoch an. Gleichzeitig geht es ihnen nicht nur ums Geld: Sie fühlen sich verantwortlich für die weiteren Geschicke des Unternehmens und wollen oft selbst im Management aktiv bleiben. Daher erwarten sie von Käufern oftmals, Garantien für einen Standorterhalt oder Beschäftigungsgarantien für die Mitarbeitenden auszusprechen.

Um solche Ziele bei potenziellen Käufern zu erreichen, müssen die Unternehmen aber hoch profitabel sein – und nachweisen können, dass ihr Geschäftsmodell so zukunftsfest aufgestellt ist, dass es auch weiter hoch profitabel bleiben wird. Genau das fällt in der aktuellen, angespannten und volatilen weltweiten Marktlage aber sehr schwer. Und so sind insbesondere Finanzinvestoren aktuell oftmals nicht bereit, die aufgerufenen Preise für Unternehmen aus dem „German Mittelstand“ zu zahlen.

Chancen für Finanzinvestoren

Opportunitäten für attraktive Deals eröffnen sich in dieser Lage vor allem für kleinere, regional aufgestellte und spezialisierte Private-Equity-Investoren. Sie haben die nötige Expertise im nationalen oder regionalen Umfeld. So können sie einschätzen, ob und wie sie Unternehmen tatsächlich erfolgreich in die Zukunft führen können.

Chancen für strategische Investoren

Anders sieht es bei strategischen Käufern aus. Hier beobachten wir in der Tat aktuell ein gesteigertes Interesse an deutschen Unternehmen auch außerhalb der EU – insbesondere aus den USA. US-Unternehmen haben aktuell ein strategisches Interesse daran, ihr Geschäft mit internationalen Standorten zu diversifizieren, um sich aus der Schusslinie der aktuellen handelspolitischen Auseinandersetzungen zu nehmen.

Ein Match wird daraus, wenn diese strategischen Kaufinteressenten auf deutsche Mittelständler treffen, die wiederum aktuell Partner suchen, um in Zukunftsthemen wie Digitalisierung oder Künstliche Intelligenz zu investieren, weil sie ihre Unternehmen zukunftsfähig aufstellen wollen.

Kein Ausverkauf, aber viele Opportunitäten

Anspruchsvolle Verkäufer im Mittelstand treffen also auf regionale und strategische Investoren, die gezielt passende Chancen für attraktive Deals nutzen und sehr genau prüfen – all das klingt also eher nicht nach dem großen Ausverkauf der deutschen Industrie, auch wenn prominente Deals wie etwa der Verkauf von Schenker, Viessmann oder des Hamburger Hafens diesen Eindruck erwecken könnten und in den Medien prominent besprochen werden.

Gegen die These, dass aktuell wilde Schnäppchenjäger unterwegs seien, die alles aufkaufen, was nicht bei drei auf den Bäumen ist, spricht noch ein weiterer Faktor. Unsere Daten zeigen: Die Due-Diligence wird immer langwieriger und aufwändiger und die Verkaufsprozesse ziehen sich hin. Das liegt zum einen daran, dass sich das Marktumfeld angesichts immer neuer internationaler Krisenlagen schnell verändert, Prognosen dann hinfällig sind und die Unsicherheit hoch bleibt. Zugleich bleiben Themen wie ESG-Prüfungen wichtig, die ebenfalls zeitaufwändig sind.

Unterm Strich lässt sich daher festhalten: Die Marktsituation ist angespannt und bietet vor allem Opportunitäten für diejenigen, die jetzt zukunftsorientiert und strategisch Chancen nutzen.

The Bottom Line:
Auch wenn prominente Verkäufe deutscher „Household Names“ den Eindruck erwecken könnten: Es findet kein Ausverkauf deutscher Unternehmen ins Ausland im großen Stil statt. Die aktuelle Marktlage bietet vielmehr Chancen für regionale und strategische Investoren, die Märkte und Unternehmen sehr gut kennen.